In meinem zweiten Blogeintrag möchte ich gerne die Stadt, in
der ich die nächsten sechs Monate leben werde, vorstellen. Wie bereits erwähnt
ist Rodez die Hauptstadt oder der Verwaltungssitz des Departements 12, Aveyron.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass jeder Franzose mit dem Namen (man
spricht ihn übrigens nicht, wie von mir auch zunächst angenommen, *[ʁo’dɛ] aus,
sondern [ʁo’dɛs]) etwas anzufangen weiß. Diese Tatsache hatte mich anfangs
einerseits beruhigt, denn auch ich hatte noch nie von dieser Stadt gehört und
konnte sie überhaupt nicht geographisch einordnen. Andererseits machte mir das
aber ein wenig Sorgen, denn die Befürchtung war durchaus da in einer kleinen
Provinzstadt zu landen, in der es nicht viel zu tun gibt und wo es auch
schwer fällt, Leute kennen zu lernen bzw. ich als Sprachassistentin allein bin.
Diese Befürchtungen haben sich zum Großteil und zu meinem
Glück aber nicht bewahrheitet. Ja, Rodez ist mit seinen knapp 25 000 Einwohnern
keine Metropole, nach Toulouse (was meine eigentliche Präferenz bei der
Bewerbung für eine Sprachassistenz war) sind es 200 km, wofür der Regionalzug gut
2,5 Stunden braucht und auch ansonsten ist es eher kompliziert nach Rodez oder
von dort woanders hinzufahren. Das Busnetz ist zwar innerstädtisch ganz gut
ausgebaut, aber die letzten Busse fahren um 20 Uhr. Es gibt einen Ableger der
Universität von Toulouse, viele Studenten sieht man jedoch nicht in der Stadt.
Das heißt aber auch keinesfalls, dass ich mich in dieser
Stadt alleine fühle. Durch die gute Vernetzung über Facebook (ja, manchmal sind
diese datenfressenden, sozialen Netzwerke doch zu etwas gut) hatte ich schon
vor meiner Abreise aus Deutschland Kontakt zu anderen Sprachassistenten, die
ebenfalls nach Rodez gingen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass man den
Einfluss des Südens hier in der Mentalität spürt, auch wenn ich Rodez
landschaftlich vielmehr in die Auvergne, als in das Midi-Pyrénées einordnen
würde. Denn zumindest subjektiv bin noch in keiner anderen Region Frankreichs so
herzlich und offen, mit großer Hilfsbereitschaft aufgenommen worden. Sei es in
den verschiedenen Administrationen der Schulen, in denen ich arbeite oder
wohne, oder bei den Menschen, denen ich privat begegnet bin.
Das mittelalterliche Stadtzentrum liegt auf der Spitze eines
Berges (ca. 750 Meter über dem Meeresspiegel) und wird, wie alles andere in
einem weiten Umkreis von der Kathedrale überthront.
| Die Kathedrale und Rodez von Weitem, bei einer Wanderung. |
Man sieh sie schon von
Weitem und das Landschaftsbild wird durch sie geprägt. Früher war sie wohl Teil
der Stadtmauer, was ihre Mächtigkeit und auch die Tatsache, dass es zumindest
an der westlichen Fassade kaum Fenster gibt, erklärt.
| Die westliche Fassade der Kathedrale vom Place d'Armes aus gesehen. |
Im Inneren verstärken die
nach oben fliehenden Säulen den Eindruck der Größe und die Fenster der Seitenschiffe,
die in den letzten Jahren schrittweise erneuert werden, zum Teil auch von
modernen Künstlern gestaltet, kreieren ein sehr schönes Licht.
Rund um die Kathedrale kann man sich in vielen engen Straßen,
in denen es zumindest am Anfang schwer fällt sich zu orientieren, verlaufen
oder sich auf einem der kleinen Plätze in ein Café setzen. Wenn man die Augen
offen hält, entdeckt man immer wieder schöne alte Häuser, die oftmals reichen
Handelsfamilien gehörten.
| Das maison d'Armagnac, eines der ältesten Häuser von Rodez... |
| ... und die Straße in der es sich befindet. |
Verkehrstechnisch ist Rodez eigentlich recht einfach
aufgebaut: es gibt eine Hauptstraße, die den Berg hinaufführt und eine, auf der
man wieder herunterfährt (jeweils Einbahnstraßen). Oben auf dem Berg kann man
um das Stadtzentrum herumfahren und wer nicht die Hauptachse herunter nehmen will,
kann auch auf der Rückseite des Bergs runterfahren oder über ein Viadukt, das
Flusstal der Aveyron überqueren und direkt auf den benachbarten Hügel fahren, wo
sich in einem Neubauviertel auch das Krankenhaus befindet.
Neben dem mittelalterlichen Stadtzentrum merkt man aber
auch, dass die Stadt in den letzten Jahren versucht sich zu modernisieren und
für Touristen, aber nicht nur für die, attraktiv zu werden. Symbolisch für
diese Stadtpolitik ist wohl das Museum Soulages, das jeder, nach den
Sehenswürdigkeiten Rodez gefragt, nennt. Angeblich ist Pierre Soulages einer der
bedeutendsten Gegenwartkünstler, ich kann aber auch hier alle beruhigen, denen
dieser Name nichts sagt: außerhalb von Rodez können wohl auch nur wenige Franzosen
etwas mit dem Namen anfangen. Das Museum, das dem bedeutenden Sohn der Stadt
gewidmet ist, wirkt von außen und gerade vor dem Anblick der Kathedrale sehr
modern und ist ein Ausflugsziel für die dunklen Wintertage, die wohl nach kommen.
| Das Musée Soulages und im Hintergrund die Kathedrale |
Neben diesem Museum für moderne Kunst, gibt es noch ein
weiteres Museum der schönen Künste und eines für Geschichte und Architektur. Vor
dem Soulages gibt es aber auch einen kleinen, schönen, neu gemachten Park und
das städtische Schwimmbad, das ich bereits als Ort für meine wöchentliche, sportliche
Betätigung auserkoren habe, ist ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit
erneuert worden.
Ich hoffe es wurde deutlich, dass Rodez eindeutig einiges zu
bieten hat und ich hoffe, in Zukunft noch von vielen weiteren kulturellen und sportlichen
Angeboten berichten zu können. Außerdem, um einen Bogen zum Anfang zu schlagen:
es hätte viel „schlimmer“ kommen können. Auf einem Einführungstag für alle
Sprachassistenten der Akademie Toulouse habe ich erfahren, dass es auch Stellen
in wesentlich kleineren Städten/Dörfern gibt, in denen man als einzige/r
Sprachassistent/in landen kann. Und auch bei denen war der eigentliche Wunschort
Toulouse. Ich bin also durchaus zufrieden und glücklich mit meiner neuen,
temporären Heimat Rodez und denke, dass hier eine Pusteblume auf jeden Fall
Wurzeln schlagen kann.
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