Donnerstag, 29. Oktober 2015

Rodez



In meinem zweiten Blogeintrag möchte ich gerne die Stadt, in der ich die nächsten sechs Monate leben werde, vorstellen. Wie bereits erwähnt ist Rodez die Hauptstadt oder der Verwaltungssitz des Departements 12, Aveyron. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass jeder Franzose mit dem Namen (man spricht ihn übrigens nicht, wie von mir auch zunächst angenommen, *[ʁo’dɛ] aus, sondern [ʁo’dɛs]) etwas anzufangen weiß. Diese Tatsache hatte mich anfangs einerseits beruhigt, denn auch ich hatte noch nie von dieser Stadt gehört und konnte sie überhaupt nicht geographisch einordnen. Andererseits machte mir das aber ein wenig Sorgen, denn die Befürchtung war durchaus da in einer kleinen Provinzstadt zu landen, in der es nicht viel zu tun gibt und wo es auch schwer fällt, Leute kennen zu lernen bzw. ich als Sprachassistentin allein bin.

Diese Befürchtungen haben sich zum Großteil und zu meinem Glück aber nicht bewahrheitet. Ja, Rodez ist mit seinen knapp 25 000 Einwohnern keine Metropole, nach Toulouse (was meine eigentliche Präferenz bei der Bewerbung für eine Sprachassistenz war) sind es 200 km, wofür der Regionalzug gut 2,5 Stunden braucht und auch ansonsten ist es eher kompliziert nach Rodez oder von dort woanders hinzufahren. Das Busnetz ist zwar innerstädtisch ganz gut ausgebaut, aber die letzten Busse fahren um 20 Uhr. Es gibt einen Ableger der Universität von Toulouse, viele Studenten sieht man jedoch nicht in der Stadt.

Das heißt aber auch keinesfalls, dass ich mich in dieser Stadt alleine fühle. Durch die gute Vernetzung über Facebook (ja, manchmal sind diese datenfressenden, sozialen Netzwerke doch zu etwas gut) hatte ich schon vor meiner Abreise aus Deutschland Kontakt zu anderen Sprachassistenten, die ebenfalls nach Rodez gingen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass man den Einfluss des Südens hier in der Mentalität spürt, auch wenn ich Rodez landschaftlich vielmehr in die Auvergne, als in das Midi-Pyrénées einordnen würde. Denn zumindest subjektiv bin noch in keiner anderen Region Frankreichs so herzlich und offen, mit großer Hilfsbereitschaft aufgenommen worden. Sei es in den verschiedenen Administrationen der Schulen, in denen ich arbeite oder wohne, oder bei den Menschen, denen ich privat begegnet bin.

Das mittelalterliche Stadtzentrum liegt auf der Spitze eines Berges (ca. 750 Meter über dem Meeresspiegel) und wird, wie alles andere in einem weiten Umkreis von der Kathedrale überthront. 

Die Kathedrale und Rodez von Weitem, bei einer Wanderung.
Man sieh sie schon von Weitem und das Landschaftsbild wird durch sie geprägt. Früher war sie wohl Teil der Stadtmauer, was ihre Mächtigkeit und auch die Tatsache, dass es zumindest an der westlichen Fassade kaum Fenster gibt, erklärt. 
Die westliche Fassade der Kathedrale vom Place d'Armes aus gesehen.

Im Inneren verstärken die nach oben fliehenden Säulen den Eindruck der Größe und die Fenster der Seitenschiffe, die in den letzten Jahren schrittweise erneuert werden, zum Teil auch von modernen Künstlern gestaltet, kreieren ein sehr schönes Licht.

Rund um die Kathedrale kann man sich in vielen engen Straßen, in denen es zumindest am Anfang schwer fällt sich zu orientieren, verlaufen oder sich auf einem der kleinen Plätze in ein Café setzen. Wenn man die Augen offen hält, entdeckt man immer wieder schöne alte Häuser, die oftmals reichen Handelsfamilien gehörten. 
Das maison d'Armagnac, eines der ältesten Häuser von Rodez...

... und die Straße in der es sich befindet.

Verkehrstechnisch ist Rodez eigentlich recht einfach aufgebaut: es gibt eine Hauptstraße, die den Berg hinaufführt und eine, auf der man wieder herunterfährt (jeweils Einbahnstraßen). Oben auf dem Berg kann man um das Stadtzentrum herumfahren und wer nicht die Hauptachse herunter nehmen will, kann auch auf der Rückseite des Bergs runterfahren oder über ein Viadukt, das Flusstal der Aveyron überqueren und direkt auf den benachbarten Hügel fahren, wo sich in einem Neubauviertel auch das Krankenhaus befindet.

Neben dem mittelalterlichen Stadtzentrum merkt man aber auch, dass die Stadt in den letzten Jahren versucht sich zu modernisieren und für Touristen, aber nicht nur für die, attraktiv zu werden. Symbolisch für diese Stadtpolitik ist wohl das Museum Soulages, das jeder, nach den Sehenswürdigkeiten Rodez gefragt, nennt. Angeblich ist Pierre Soulages einer der bedeutendsten Gegenwartkünstler, ich kann aber auch hier alle beruhigen, denen dieser Name nichts sagt: außerhalb von Rodez können wohl auch nur wenige Franzosen etwas mit dem Namen anfangen. Das Museum, das dem bedeutenden Sohn der Stadt gewidmet ist, wirkt von außen und gerade vor dem Anblick der Kathedrale sehr modern und ist ein Ausflugsziel für die dunklen Wintertage, die wohl nach kommen. 
Das Musée Soulages und im Hintergrund die Kathedrale


Neben diesem Museum für moderne Kunst, gibt es noch ein weiteres Museum der schönen Künste und eines für Geschichte und Architektur. Vor dem Soulages gibt es aber auch einen kleinen, schönen, neu gemachten Park und das städtische Schwimmbad, das ich bereits als Ort für meine wöchentliche, sportliche Betätigung auserkoren habe, ist ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit erneuert worden.

Ich hoffe es wurde deutlich, dass Rodez eindeutig einiges zu bieten hat und ich hoffe, in Zukunft noch von vielen weiteren kulturellen und sportlichen Angeboten berichten zu können. Außerdem, um einen Bogen zum Anfang zu schlagen: es hätte viel „schlimmer“ kommen können. Auf einem Einführungstag für alle Sprachassistenten der Akademie Toulouse habe ich erfahren, dass es auch Stellen in wesentlich kleineren Städten/Dörfern gibt, in denen man als einzige/r Sprachassistent/in landen kann. Und auch bei denen war der eigentliche Wunschort Toulouse. Ich bin also durchaus zufrieden und glücklich mit meiner neuen, temporären Heimat Rodez und denke, dass hier eine Pusteblume auf jeden Fall Wurzeln schlagen kann.

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